Tourismusregion

Nicht immer war es peinlich

Christiane Kolbet überzeugt mit neuer Themen-Führung in Höchstadt

HÖCHSTADT (enz) – Das touristische Angebot im Aischgrund ist um eine Attraktion reicher. Zum ersten Mal lud Christiane Kolbet unter dem Motto „Mörder, Diebe, arme Sünder“ zu einer abendlichen Themenführung. Geschichten aus Höchstadts düsterstem Zeitalter sind selten zu hören – und so gab es zur Premiere am Freitagabend zahlreiche Zuhörer sowie samstags einen Zusatztermin.

Rechtsgeschichte gilt sogar unter Historikern als eine oftmals trockene Angelegenheit. Trotzdem ist sie aus dem mittelfränkischen Tourismusangebot längst nicht mehr wegzudenken. Dafür sorgen der Nürnberger Justizpalast und das Rothenburger Kriminalmuseum mit jährlich über 200.000 Besuchern. Dass es auch in Höchstadt seit dem Mittelalter Rechtsprechung gab, kann dabei schnell in Vergessenheit geraten. „Auch in den Chroniken findet sich dazu nur sehr wenig“, berichtet Christiane Kolbet. Unterstützt durch das Tourismuszentrum Karpfenland Aischgrund bietet sie seit einiger Zeit Themenführungen an. Natürlich richtet sich das Angebot an Gäste. „Vor allem aber möchte ich dein Einheimischen neue Facetten ihrer Heimat aufzeigen“, erklärt Kolbet ihr Konzept. Ein Ansatz, der sie für mehrere Monate in dunkle Archive führte. Mit beinahe polizeilichem Spürsinn zeichnete sie dort längst vergessene Kriminalfälle aus dem Mittelalter nach.

Wie kommen Mörder, Diebe und arme Sünder beim Publikum an? Unser Außen-Reporter Christian Enz war bei der Premiere in Höchstadts Gassen mit dabei:

 

Was sich auf den ersten Moment nach fader Rechtswissenschaft anhört, entpuppt sich jedoch als kurzweiliges Abendprogramm. Was freilich kein Zufall ist – inszeniert Kolbet die Jahrhunderte alten Gerichtsverfahren doch, mit dem Fingerspitzengefühl einer gelernten Theaterdramaturgin, an den Originalschauplätzen. Da werden auch kleine Vergehen wie Beleidigungen oder Wirtshausprügeleien zur packenden Story. Wie zum Beispiel die Geschichte des Konrad Kopp. Er hatte, mit einem gebogenen Nagel, im Jahr 1600 die städtischen Fischgruben geöffnet und zehn Karpfen gestohlen. Da er sich reumütig gab, kam er mit einer Verschwiegenheitserklärung davon. Weniger Glück hatte die Höchstadter Kindsmörderin Margarethe Lubach – sie wurde hingerichtet. „Auf dem Weg zur Enthauptung sollte sie dann auch noch dreimal mit heißen Zangen angefasst werden. Das hat man ihr dann aus Gnade aber doch erlassen“, berichtete Christiane Kolbet während sie mit ihrer 30köpfigen Gruppe durch das nächtliche Höchstadt wanderte.

Nur einmal gefoltert

Halt machte der Tross auch am Spielplatz im Engelgarten. Einkerbungen in der Stadtmauer sind dort letzte Spuren eines geschleiften Turms. „Im Volksmund hieß dieser Zwickturm“, erzählte Kolbet – die man an diesem Abend zu Recht auch Miss Marple des Mittelalters hätte nennen können. Hier wurden die mysteriösen, peinlichen Befragungen durchgeführt. „Eine Verurteilung war nämlich nur mit Geständnis möglich“, erklärte die Stadtführerin. Im Zwickturm wurde dann mit Folter versucht, dieses herbeizuführen. Angesichts dieser offenkundigen Fakten fragte sich die Hobby-Historikerin, wie man behaupten könne, der Turm hätte seinen Namen auf Grund des Standortes in der Zwick erhalten. „Da kann man überlegen, ob hier bewusst versucht wird die Geschichte Höchstadts schön zu reden.“ Folterungen indes waren auch im Höchstadt vergangener Tage ohnehin sehr selten. „Meist genügte es, den Beschuldigten das Prozedere zu erklären und sie waren geständig“. Frauen, so erläuterte Kolbet ihren andächtig lauschenden Begleitern, wurden ohnehin kaum gefoltert. Lediglich ein Fall, so die Expertin, sei in Höchstadt bekannt. Im Jahr 1595 wurde die aus Wassertrüdingen am Hesselberg kommende Apolonia Gabriel mit Beinschrauben traktiert. „Eigentlich wurden Frauen nur gefoltert, wenn der Vorwurf Hexerei lautete. Dann gab es allerdings gar keine Hemmungen mehr“.

Die Hexenverfolgung markierte während des 30jährigen Krieges das dunkelste Kapitel der Rechtsprechung. Darüber referierte Kolbet im Schatten des Höchstadter Schlosses – in dem seinerzeit auch an der Aisch über unschuldige Frauen gerichtet wurde. Insgesamt 900 Hinrichtungen wegen Hexerei sind allein im Fürstbistum Bamberg verbrieft. „Als wäre damals nicht ohnehin genug gestorben worden“. Vollstreckt wurden Todesurteile, für die eigens ein Henker aus Bamberg anreiste, auf der anderen Aischseite Richtung Gremsdorf. „Das war dann wie Kerwa und Altstadtfest zusammen. Da kamen tausende Leute“, skizzierte Kolbet vor der alten Aischbrücke das Szenario. „Mütter hoben ihre Kinder in die Luft, damit diese das Spektakel besser sehen konnten“. Exekutiert wurde dabei auf unterschiedliche Weise. Männer wurden vorzugsweise gehängt. „Der Galgen war stets aufgebaut. ER sollte abschreckende Wirkung haben“. Frauen hingegen wurden mit dem Schwert geköpft. „Man konnte sie nicht hängen. Denn dann hätte die Gefahr bestanden, dass man unter den Rock hätte sehen können. Weil man damals keine Wäsche getragen hat, wäre das unschicklich gewesen“.

Schon zu Beginn große Nachfrage nach kriminalhistorischer Stadtführung

In jedem Fall blühte nichts Gutes, war man in jenen dunklen Tagen – auch nur vermeintlich – mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Viele suchten deshalb, gegen Bezahlung, Asyl in Neuhaus. Denn in der Crailsheimschen Freyung konnte man Schutz vor Strafverfolgung für sich reklamieren. Auch dazu hat Christiane Kolbet bereits eine touristische Wanderung entwickelt. In Höchstadt kann man heuer unterdessen noch zweimal auf den Spuren von Mördern, Dieben und armen Sündern wandeln. Auf Grund der großen Nachfrage wurde am Samstagabend ein Zusatztermin angeboten und auch Folgetermin am 4. November ist bereits gut gebucht. Anfang Dezember kann man dann noch einmal in die düstere Zeit eintauchen, bevor auch Höchstadts düstere Gestalten in die Weihnachtspause gehen.

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